Montag, 4. Februar 2013

Vom Leben gef*ckt - Montag, 04. Februar 2013

Ute hatte in der vergangenen Nacht kaum geschlafen. Sie fragte sich, ob diese Schlaflosigkeit irgendwelche Auswirkungen auf den Morgenurin haben konnte. Wahrscheinlich nicht. Mit zitternden Fingern hielt sie den Streifen in den Becher und wartete angespannt, wie viele Streifen sich zeigen würden. Es blieb bei einem. Dieser eine verdammte Streifen! Wie sie diesen Anblick hasste! Sie hatte es geahnt! Die Tränen rannen über ihre Wangen, als sie ihn in den Abfalleimer stopfte. Was sollte sie nur tun? War es vielleicht doch noch zu früh für den Test? Immerhin hatte sie bisher weiterhin nicht ihre Tage bekommen. Vielleicht war sie doch schwanger. So lange ihre Periode nicht da war, gab es eine klitzekleine Hoffnung. Im Internet hatte sie einmal davon gelesen, dass in seltenen Fällen solche Tests auch manchmal nicht anschlugen. Vielleicht war sie ja einer dieser Fälle? Sie musste sich zusammenreißen und ruhig bleiben, alles andere würde dem Baby schaden, falls es eins gab. Bis morgen würde sie noch abwarten, dann würde sie einen Termin bei ihrer Frauenärztin machen. Falls es danach immernoch bei "nicht schwanger" bleiben sollte, musste sie sich etwas Gutes einfallen lassen...

*****

Selten in seinem Leben hatte Lars sich so ratlos gefühlt. Es war alles wie ein Albtraum und er wartete sehnsüchtig darauf, dass er erwachte oder Ute ihm sagen würde, es wäre alles nur ein dummer Scherz gewesen. Aber natürlich war es das nicht. Er wurde Vater. Er konnte es immer noch nicht glauben. Er fühlte sich nicht bereit dafür, jedenfalls nicht unter diesen Bedingungen. Wäre die Trennung von Ute gelungen und Charlotte hätte ihm in ein paar Monaten die Nachricht einer Schwangerschaft überbracht, hätte er sicherlich damit leben können. Ja, mit Charlotte konnte er sich eine kleine Familie vorstellen, aber nicht mit Ute. Er war völlig ratlos und wusste nicht, was er tun sollte. Sein Gefühl sagte ihm, dass das alles keinen Sinn hatte und er die Trennung durchziehen musste. Wenn das Kind von Anfang an ohne einen Vater zu Hause groß wurde, würde ihm gar nicht soviel fehlen. Es wäre normal, dass der Vater nur am Wochenende zur Verfügung stand. Er war sich sicher, wenn ein Kind es nicht anders kannte, wäre es gar nicht so wild. Utes Eltern würden sie mit Sicherheit unterstützen und ansonsten würde er natürlich auch kräftig zahlen für eine Tagesmutter oder was auch immer. Seinem Nachwuchs sollte es an nichts fehlen, er wollte nicht, dass das Kind unter der Situation litt.
Das Problem war, dass das Kind litt, wenn die Mutter während der Schwangerschaft litt, das hatte Peter ihm ziemlich deutlich gemacht, als er sich bei ihm ausgeheult hatte. Wenn er Ute verlassen würde, würde sie zweifellos leiden und das würde dem ungeborenen Kind schaden. Er dachte daran, wie labil Ute war. Er konnte sich jetzt nicht trennen, während sie schwanger war, es ging einfach nicht. Wenn sie das Kind verlieren würde, würde er es sich niemals verzeihen. So weit ging selbst der Egoismus eines Lars Laslandes nicht. 
Doch wie sollte er es Charlotte beibringen? Er musste sich sowieso dringend bei ihr melden, fiel ihm gerade auf. Er hatte versprochen gehabt, sich am Samstag bei ihr zu melden, sobald die Trennung vollbracht war und nun war es Montagabend und er hatte sich immer noch nicht gemeldet. Aber was sollte er ihr sagen? Wie sagte man jemandem so etwas? Er konnte ihr das unmöglich per Mail mitteilen. Aber sie anzurufen und es ihr am Telefon beizubringen, erschien ihm auch nicht viel angemessener. Nein, er musste es ihr persönlich sagen. Aber das ging erst, wenn er wieder zurück in Köln war und bis dahin waren es noch ein paar Tage. Er musste sich auf jeden Fall vorher bei ihr melden. Aber was zum Teufel sollte er sagen? Es konnte nur schiefgehen. Er wusste doch selbst nicht, wie es weitergehen sollte und genau das, würde sie von ihm wissen wollen. Er wollte sie nicht verlieren. Aber sie würde sich hingehalten fühlen. Er war sich sicher, dass sie ausrasten würde, wenn er ihr sagte, dass er erstmal bei Ute bleiben musste, solange sie schwanger war.
Warum hatte das überhaupt passieren müssen? So viele Menschen wünschten sich Kinder und wurden nicht schwanger, warum musste Gott dann ausgerechnet ihnen ein Kind schenken, wo sie es gar nicht haben wollten? Peter hatte damals, als seine Freundin von einem anderen Kerl schwanger geworden war und sich von ihm getrennt hatte gesagt, er fühle sich vom Leben gefickt. Lars glaubte nun ungefähr zu wissen, wie es sich anfühlte.



Betreff:
Von: L.Laslandes@koelnmail.de 
An: Anne-P.De-Mon@hotmail.de
19:14 04.02.2013

Liebe Charlotte,

es tut mir unendlich leid, dass ich mich jetzt erst melde. Du wirst ahnen, dass es dafür einen Grund gibt, der nicht besonders erfreulich ist. 
Charlotte, ich möchte das alles persönlich mit Dir besprechen, am Telefon oder gar per Mail wäre es nicht angemessen. Bitte sag mir, wann wir uns sehen können, ich bin ab Donnerstag Abend in Köln und nehme mir die Zeit, wann immer Du es einrichten kannst. Ich weiß, es ist Karneval und es wird dadurch nicht einfacher werden. Ich möchte Dir auch gar nichts verderben, aber bitte, gib mir die Chance, dass wir alles persönlich klären und stell mir bitte vorher keine Fragen, auf die ich zum jetzigen Zeitpunkt selbst keine Antworten kenne.
Mir ist bewusst, wie das jetzt alles auf Dich wirken muss, aber es ist nicht so. Vertrau mir und gib mir die Chance, es persönlich mit Dir zu besprechen.

Kuss

Lars


Unzufrieden las Lars die Mail noch einmal durch. Er konnte nicht die richtigen Worte finden, aber wahrscheinlich gab es sie auch gar nicht. Er konnte nur hoffen, dass Charlotte sich darauf einließ.

Sonntag, 3. Februar 2013

Ein Streifen letzter Hoffnung - Sonntag, 03. Februar 2013

Kaum war Lars an diesem Nachmittag abgereist, war Ute ins Bad gestürzt und hatte einen Schwangerschaftstest gemacht. Seitdem fühlte sie sich noch elender als zuvor, sofern dies überhaupt noch möglich war. Was hatte sie nur getan?
Sie hatte sich einfach so eine panische Angst gehabt gestern, als Lars ihr sein Fremdgehen gebeichtet hatte. Sie hatte gespürt, dass er ihr gleich sagen würde, dass er sie für Charlotte verlassen wollte und das hatte sie mit aller Verzweiflung verhindern wollen. Deswegen hatte sie, bevor er überhaupt die Gelegenheit gehabt hatte, es auszusprechen gesagt, dass sie schwanger sei. Es war die einzige Hoffnung, die ihr spontan eingefallen war, mit der sie ihn möglicherweise halten konnte. Natürlich hatte sie nicht gewusst, ob sie wirklich schwanger war, es war ja nur ihr Verdacht, aber wäre sie später damit angekommen, nachdem er ausgesprochen hatte, dass er sie verlassen wollte, hätte seine Entscheidung womöglich festgestanden. Vielleicht wäre er sofort zu Charlotte gezogen und wenn sie ihn permanent umgarnen konnte, welche Chance hätte sie dann noch gehabt, wenn sie dann mit der Schwangerschaft angekommen wäre, zumal Lars ja nicht einmal einen Kinderwunsch hatte zur Zeit. Sie hatte es als ihre einzige Möglichkeit gesehen in diesem Moment, um ihn nicht zu verlieren. Und nun saß sie hier im Bad und starrte auf einen Pappstreifen, der partout nicht den zweiten Steifen anzeigen wollte. Negativ, nicht schwanger, sie hatte sogar extra einen zweiten Test gemacht, aber beide waren sich einig. Ihre letzte Hoffnung war, dass es vielleicht noch so früh war, dass sie Morgenurin brauchte, damit der Test funktionierte. Einen letzten Test hatte sie noch übrig für morgen früh. Und ihre letzte Hoffnung. Wenn der Test auch negativ war, hatte sie noch mehr Probleme als ohnehin schon. Dann hätte sie Lars verloren. Falls sie das nicht längst hatte. Aber sie hatte das Gefühl, als gebe es noch eine Chance. Er war erst gegen 5 Uhr morgens nach Hause gekommen und hatte eine starke Alkoholfahne gehabt, aber er hatte ihr geschworen, dass er nicht bei ihr war, sondern sich gemeinsam mit Peter betrunken und Männergespräche geführt habe. Und heute Mittag, als er wieder nüchtern gewesen war und sie vor seiner Abreise noch einmal versucht hatten, miteinander zu reden, hatte er ihr versprochen, dass er sich seiner Verantwortung für das Kind stellen und sie damit nicht allein lassen werde. Zwar hatte er im Nachsatz gesagt, er könne ihr nicht sagen, wie das konkret aussehen würde, weil er sich erst noch über alles klar werden müsse, aber immerhin schien es so, als wolle er sie nicht verlassen und das war erst einmal das Wichtigste. Alles andere würden sie wieder hinbekommen. Wenn sie doch nur schwanger war...

*****

Als Lotte an diesem Morgen erwachte, hatte sie immer noch keine Nachricht von Lars auf ihrem Handy. Sie spürte eine innere Unruhe, die weiter wuchs, als auch die Abfrage ihrer Mails ergebnislos blieb. Hatte er doch nicht Schluss gemacht? Wieso meldete er sich nicht? Er hatte es ihr doch fest versprochen. Sie verstand es nicht. Gestern, als sie sich getroffen hatten, hatte sich alles noch so gut angefühlt und sie war sich sicher gewesen, er würde es diesmal durchziehen und endlich zu ihr kommen und nun schien sich alle Hoffnung wieder zu zerschlagen. Er würde wieder mit irgendeiner Ausrede ankommen, warum er es Ute dieses Mal nicht sagen konnte und wieder hatte sie umsonst gehofft.
Lotte spürte einen Kloß im Hals. Jetzt bloß nicht weinen, das war er nicht wert. Hastig machte sie sich fertig und ging eine Runde mit Schröder durch den Regen. Absichtlich mied sie den Park, auch wenn das Risiko gering war, dort Ute oder Lars zu begegnen, so wollte sie es an diesem Morgen doch nicht riskieren.
Wieder zu Hause stieg sie unter die heiße Dusche und kochte sich danach einen Tee, der gleichzeitig ihr Frühstück darstellte. Ihr war der Appetit vergangen.
Sie fragte sich, ob sie Lars eine Nachricht schicken sollte um nachzuhören, warum er schwieg, aber auch wenn die Versuchung groß war, entschied sie sich dagegen. Das hatte sie nicht nötig und außerdem würde er sich schon melden. Vielleicht hatte er es gestern auch aus irgendeinem Grund nicht geschafft mit Ute zu reden und wollte es heute machen. Aber dann hätte er ihr doch trotzdem kurz Bescheid sagen können... Sie spürte, dass der Grund seines Schweigens kein angenehmer Grund sein konnte und wieder irgendetwas schiefgegangen war. Hoffentlich meldete er sich heute, sonst würde sie verrückt werden. Sie hasste es, in der Luft zu hängen und er wusste das ganz genau. Warum tat er ihr das an?

Shoot - Samstag, 02. Februar 2013

An diesem Morgen hatte Lars die Gelegenheit genutzt, sich spontan mit Charlotte zu treffen. Ute war mit Susanne zu einem Yoga-Workshop verabredet gewesen, was er vergessen hatte oder sie hatte es ihm nicht gesagt, auf jeden Fall hatte sie sich um 10 Uhr dorthin verabschiedet und gesagt, dass sie nicht vor 14 Uhr zurück sei. Er hatte erst mit sich gehadert, ob es sinnvoll wäre Charlotte zu treffen, bevor er die Trennung von Ute hinter sich gebracht hatte, war dann aber zu dem Schluss gekommen, dass sie ihm vielleicht sogar die nötige Ruhe und Kraft geben konnte, um diesen Schritt ein wenig leichter zu tun. Also hatte er sie angerufen und sie hatte spontan Zeit gehabt. Später hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie wohl indirekt mit solch einem Treffen gerechnet hatte. Sie hatten gar nicht viel geredet, aber allein ihre Nähe hatte ihm gereicht, um sich besser zu fühlen und noch überzeugter davon zu sein, dass es an der Zeit war und er an diesem Nachmittag endlich das Gespräch mit Ute führen würde, das schon so lange überfällig war. Sie waren gemeinsam durch den Nieselregen durch den Park spaziert, über eine Stunde, unter einem großen Regenschirm eng umschlungen. Es war sein Regenschirm, Charlotte hatte keinen dabei gehabt, sie benutzte fast nie welche und hatte ihm sofort erklärt, dass sie für so ein bisschen Nieselregen doch keinen Regenschirm mit sich herumschleppen würde. Sein Angebot, zu ihm unter den Schirm zu kommen hatte sie aber nicht abgewehrt. Eine Viertelstunde waren sie einfach schweigend durch den Park gelaufen und hatten die Hunde beobachtet, dann hatte Charlotte ihn gefragt, ob er es Ute heute sagen würde und er hatte bejaht. Danach hatten sie wieder lange geschwiegen und dann hatte sie gefragt, ob er sich danach bei ihr melden würde. Er hatte gelacht und ihr geantwortet, falls Ute ihn rausschmeissen würde, wäre er auf ihr Asyl angewiesen. Sie hatte sofort zugestimmt, aber er hatte erwidert, dass er das nicht für die beste Idee hielte und gegebenenfalls im Hotel übernachten würde, er aber gar nicht davon ausgehen würde, dass Ute ihn hinauswerfen würde, so sei sie nicht. Er hatte Charlotte aber versprechen müssen, sich wenigstens zu melden, wenn es überstanden war, wenn auch nur mit einer kurzen SMS. Er hatte ihren Wunsch irgendwie verstehen können und es ihr versprochen. Auf ihre Frage, ob er Ute von ihnen erzählen würde, hatte er keine Antwort geben können. Ursprünglich war er sich sicher gewesen, dass es besser wäre, sie würde nie davon erfahren, sowohl für Utes Ego als auch für eine reibungslosere Trennung und Charlottes weiteres Studium. Inzwischen war er allerdings soweit, dass er unsicher war, ob er ihr nicht doch reinen Wein einschenken sollte, zumal sie sowieso von Charlotte erfahren würde und ja bereits einen Verdacht gehegt hatte. Es wäre nur fair, wenn sie es zuerst wüsste und nicht am Ende von irgendwem aus der Uni oder einem Bekannten erfuhr. Außerdem würde sie es so möglicherweise leichter akzeptieren. All das hatte er Charlotte dargelegt und sie hatte schließlich auch gemeint, es sei fairer, es Ute direkt zu sagen, falls sie nicht zu labil reagieren würde.
Danach hatten sie nicht mehr geredet und sich schließlich verabschiedet, als sie wieder am Beginn ihrer Runde angekommen waren. Sie hatten sich lange umarmt und geküsst und dann war er gegangen, mit dem Versprechen, sich später bei ihr zu melden, wenn er es hinter sich gebracht hatte.

Als er nach Hause gekommen war, war Ute noch nicht zurück gewesen. Es war noch fast eine Stunde Zeit, bis mit ihr zu rechnen war und so hatte er sich ein heißes Entspannungsbad eingelassen, um sich nach dem Spaziergang ein wenig aufzuwärmen. Während er in der Badewanne lag, überlegte er, wie er das Gespräch am besten einleiten sollte und wann. Er beschloss, dass eine kleine Stärkung zuvor nicht schaden konnte und er bis nach dem Essen abwarten wollte. Ute hatte gesagt, sie wolle auf dem Rückweg vom Yogaworkshop etwas Leckeres kaufen und dann kochen, wenn sie zu Hause sei. Es sprach nichts dagegen, das Essen noch abzuwarten. Die Henkersmahlzeit, dachte er süffisant.

Nach dem Bad fühlte er sich plötzlich müde, wahrscheinlich von der Wärme. Er föhnte sich nur schnell die Haare und legte sich dann nackt in sein Bett. Bevor er einschlief, musste er fast laut loslachen. Wahrscheinlich hatten nur wenige Männer die Ruhe, vor einer Trennung noch ein Mittagsschläfchen zu halten. Man musste es pragmatisch sehen, es würde wahrscheinlich das letzte Mal sein, dass er so ruhig in diesem Ehebett würde schlafen können. Das war sein letzter Gedanke, bevor er tatsächlich seelenruhig einschlief.

*****

Als Ute die Wohnung betrat, erwartete sie Hugo bereits erwartungsfroh im Flur. Sie begrüßte den Hund und sah sich nach Lars um. Er war nicht zu sehen. Als sie ihn rief, erhielt sie keine Antwort. Sie fragte sich, wo er sein konnte. Aber die Tür war nicht abgeschlossen gewesen, er musste zu Hause sein. Sie lief durch die Zimmer und entdeckte ihn schließlich tief und fest schlafend im Bett. Er musste geduscht und sich dann schlafen gelegt haben, denn im Bad war alles nass gewesen und sein Handtuch hatte er einfach auf dem Boden liegen lassen. Sie hasste es. Als wären sie im Hotel und er würde sie als sein persönliches Zimmermädchen betrachten. Es wäre doch wirklich kein Aufwand, das Handtuch einfach ordentlich über die Heizung zu hängen und nicht das halbe Badezimmer nach dem Duschen zu überschwemmen. Aber es war typisch für ihn. Genau, wie er in diesem Leben wahrscheinlich nie mehr lernen würde, eine Zahnpastatube zuzuschrauben. Man sah einfach immer, wenn Lars Laslandes im Bad gewesen war.
Doch ihr Zorn war schnell verraucht, als sie ihn im Bett gefunden hatte. Sie liebte ihn noch viel mehr, wenn er schlief. Sie hätte ihn stundenlang ansehen können. Dieses leichte Lächeln auf seinen Lippen und sein prachtvoller Körper, der soweit sie es erkennen konnte komplett nackt war und nur spärlich von der Bettdecke bedeckt wurde, die halb aus dem Bett gefallen war. Sie fragte sich, ob er krank wurde oder warum er sich zu einem Mittagsschlaf hingelegt hatte. Wenn ja, wäre es bestimmt nicht gut, dass er aufgedeckt war. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, griff sie nach der Bettdecke und deckte ihn richtig zu. Er war tatsächlich komplett nackt im Bett. Normalerweise schlief er nie nackt, irgendetwas stimmte doch nicht mit ihm. Oder war das alles inszeniert und er wollte sie locken, zu ihm ins Bett zu kommen? Sie verspürte tatsächlich nicht wenig Lust dazu, beschloss aber, ihn erst noch schlafen zu lassen und den Auflauf für das Mittagessen vorzubereiten. Sie hatte wahnsinnigen Hunger und der Auflauf brauchte eine Dreiviertelstunde, in dieser Zeit konnte sie immer noch zu ihm ins Bett kriechen.

Zufrieden sah Ute auf ihr Werk hinab. Der Auflauf sah köstlich aus, sie hatte sich extra das Rezept von Susanne geben lassen und war sich sicher, Lars würde begeistert sein. Sie schob ihn in den Ofen, stellte den Küchenwecker auf 45 Minuten und ging dann ins Schlafzimmer, um sich um die Vorspeise zu kümmern.
Lars lag bereits wieder fast völlig aufgedeckt da, er musste wahnsinnig unruhig schlafen. Sie fragte sich, ob er vielleicht Fieber hatte. Aber eigentlich sah er völlig gesund aus. Wahrscheinlich war seine Woche in Paris einfach anstrengend gewesen. Dann würde ihm ein wenig Entspannung jetzt gut tun...
Sie zog sich bis auf die Unterwäsche aus und kroch neben ihn ins Bett. Praktischerweise war auch sein bestes Stück bereits aufgedeckt und so machte sie sich daran zu schaffen und weckte ihn sanft. Er wurde sehr schnell wach und starrte sie erst völlig verwirrt an. Sie musste lachen und nahm seinen Schwanz kurz aus dem Mund. "Aufhören?", fragte sie. Er schüttelte nur den Kopf und grinste zufrieden.

*****

Beim Essen überkam Lars das schlechte Gewissen. Der Auflauf schmeckte vorzüglich, kam aber bei Weitem nicht an die Vorspeise heran. Jedoch war die es, die sein Gewissen quälte. Jetzt hatte er gerade mit Ute geschlafen, aß nun ihren Auflauf und zum Nachtisch sollte er ihr erklären, dass alles vorbei wäre? Natürlich war es ein Riesenfehler gewesen, in so einem Moment mit ihr zu schlafen, aber was hätte er denn tun sollen? Er hatte es ja nicht darauf angelegt, sondern friedlich geschlafen und war davon wachgeworden, dass sie seinen Schwanz im Mund hatte. Da hätte doch kein Mann gesagt "Du entschuldige, aber lass das bitte, ich würde gerne nach dem Essen mit dir Schluss machen und wollte mich vorher noch ein bisschen ausruhen.".  Vielleicht sollte er besser bis zum Abend damit warten, dann wirkte es nicht ganz so gemein. Er seufzte.
"Ist was? Fühlst Du Dich nicht gut?"
Lars schrak zusammen. Da war ihm wohl tatsächlich ein lauter Seufzer entfahren. "Nein, nein, ich war nur in Gedanken."
"Worüber denn?"
"Ich glaube, wir sollten heute Abend mal reden."
"Worüber denn?"
Utes Stimme klang alarmiert. Er hätte es gar nicht erwähnen sollen. Warum hatte er nicht einfach die Klappe gehalten? Aber jetzt konnte er es auch ebensogut durchziehen.
"Über unsere Beziehung."
Ute ließ das Besteck fallen. "Was willst du mir sagen? Sag es jetzt!"
"Ich... naja... ich..." Ihm fehlten die Worte. Warum musste die denn auch direkt wieder so hysterisch werden. "Ich habe..."
"Eine Andere?!", fiel Ute ihm ins Wort.
"Äh... ja. Genau. Eine Andere." Mein Gott, er fühlte sich wie in einer schlechten Comedy-Sendung. 
Plötzlich klang Utes Stimme wieder ganz ruhig. Bedrohlich ruhig. "Ich weiß. Charlotte Holzheim."
Fassungslos starrte Lars sie an. "Aber woher...?"
"Glaubst Du, ich bin völlig behämmert?"
Ihr Stimme wurde greller. Sie drohte wieder hysterisch zu werden. Er musste die Situation beruhigen. Er musste jetzt ruhig bleiben. "Ja, also ich meine, nein, natürlich nicht. Ich war nur überrascht... ach, ist auch egal. Hör zu, Ute, es tut mir leid. Ich war unfair zu dir und ich hätte das nie tun dürfen. Verzeih mir, aber ich..."
Sie fiel ihm ins Wort. "Es ist okay, also ich meine, nein, es ist nicht ok, aber ich verzeihe dir."
"Das ist lieb, Ute. Ich bin mir sicher, wir bringen das hier vernünftig über die Bühne."
"Was?!"
"Ja, die Trennung. Wir regeln das wie zwei erwachsene Menschen, ganz vernünftig und ohne schmutzige Wäsche."
Ihre Stimme wurde wieder greller. "Wieso Trennung? Ich will doch gar keine Trennung! Ich habe dir doch gesagt, ich verzeihe es dir. Du musst nicht gehen. Lars, es wird alles wieder gut, wir kriegen das hin. Ich werde dir das nicht ewig vorhalten, ich will auch gar nicht wissen, wie lange es gegangen ist, auch wenn es kein einmaliger Ausrutscher war, ich verzeihe es dir und bin froh, dass du es mir gesagt hast und jetzt wird alles wieder gut."
"Ute, entschuldige, ich glaube, du verstehst nicht..."
Plötzlich wich alle Farbe aus Utes Gesicht und Tränen schossen in ihre Augen. "Was verstehe ich nicht?"
"Es ist lieb, dass du mir das alles verzeihst, aber ich werde gehen. Ich..."
"Nein!"
"Ute, bitte! Das hat doch keinen Sinn! Wir werden das alles ganz vernünftig regeln..."
"Aber ich bin schwanger!"
"WAS?!"

Lars hatte das Gefühl, als würde der Stuhl unter ihm gleich nachgeben. Hastig griff er nach seinem Rotweinglas und leerte den den Rest in einem Zug. Ihm gegenüber saß Ute, ein zusammengesunkenes Häuflein Elend und sie weinte erbärmlich. Er brachte es nicht über sich, zu ihr hinüberzugehen und sie in die Arme zu nehmen. Sie war schwanger. Aber sie nahm doch die Pille...
"Aber ich dachte, du nimmst die Pille?"
"Irgendwas muss schiefgegangen sein, das kann passieren.", schluchzte sie mühsam.

Er stand auf und wollte den Raum verlassen.
"Gehst du zu ihr?"
"Nein, mich betrinken."

Freitag, 1. Februar 2013

Guter Hoffnung - Freitag, 01. Februar 2013

Als Lars in Köln eintraf, wurde er von dicken grauen Wolken und strömendem Regen empfangen. Die ganze Stadt war kalt und grau und traurig und irgendwie wirkte es, als wolle das Schicksal die passende Kulisse für die Ereignisse schaffen, die an diesem Wochenende anstanden.
Völlig durchgefroren und durchnässt trat er durch die Haustür und wurde direkt im Flur von Ute mit einem Kuss empfangen. Trotz seiner Trennungspläne hatte er ihr den obligatorischen Blumenstrauß vom Bahnhof mitgebracht. Da sie der Calla letztes Mal keinerlei Bedeutung beigemessen hatte, hatte er keinen Anlass gesehen, die bevorstehende Trennung nicht auch mit einem Blumenstrauß zu beginnen. Außerdem wollte er Stress vermeiden und es hätte sicherlich Utes Misstrauen geweckt, wenn er heute ohne Blumen erschienen wäre. Also hatte er einen schlichten Strauß rosafarbene Tulpen gewählt. Er fand sie ganz hübsch und außerdem waren sie nicht so teuer gewesen. Ein wenig Frühling brachten sie auch in diesen grauen Tag, also waren sie keine schlechte Wahl. Ute schien sich ebenfalls zu freuen, strahlend nahm sie ihm den Strauß aus der Hand, um die Blumen ins Wasser zu stellen und sagte ihm dann, er könne sich noch schnell frisch machen, in zehn Minuten sei das Essen fertig, sie habe extra für ihn gekocht, er sei doch bestimmt hungrig. Er warf einen Blick in die Küche und sah einen großen Topf mit Käse-Lauch-Suppe. Er liebte Käse-Lauch-Suppe und bei dieser Kälte kam sie ihm gerade recht. Vermutlich hatte Ute sich genau das dabei gedacht. Sein schlechtes Gewissen meldete sich kurz, weil sie so gut zu ihm war und er spätestens am Sonntag die Beziehung beenden wollte. Er wischte solcherlei Gedanken beiseite. Für Ute war es letztenendes auch besser so, außerdem hatte er ihr Blumen mitgebracht und sie nicht gebeten, Suppe für ihn zu machen und Charlotte hätte ihm bestimmt ebenfalls etwas Köstliches kredenzt, wenn er zu ihr gekommen wäre.
Ute kam zurück in die Küche und lächelte ihn an. Hastig verließ er die Küche um sich frischzumachen.

*****

Ute stand in der Küche und bereitete Rouladen für das Abendessen vor. Lars hatte sich so sehr über die Käse-Lauch-Suppe heute Mittag gefreut, dass sie beschlossen hatte, ihn heute Abend erneut glücklich zu machen und Rouladen für ihn zu kochen. Er liebte Rouladen und sie hatte extra vorhin beim Spaziergang noch Fleisch im Bioladen dafür besorgt, weil er seit Neuestem ja plötzlich Wert auf soetwas legte, Gott wusste, warum. Früher hatte es ihn nicht geschert und inzwischen glaubte sie manchmal, er würde irgendwann noch zum Vegetarier werden. Aber sie selbst fühlte sich in gewisser Weise auch besser, wenn ihre Lebensmittel Bioqualität hatten und in Zukunft würde sie vielleicht ganz besonders darauf achten müssen, sich gesund zu ernähren, schließlich ging es nicht mehr nur um sie. Ihre Periode war seit drei Tagen überfällig und mit jedem Mal, wo sie auf Toilette war und weiterhin nichts Rotes sichtbar war, stieg ihre Laune. Sollte es tatsächlich endlich geklappt haben mit ihrer Schwangerschaft?
Sie wusste, dass drei Tage noch nicht unbedingt viel bedeuten mussten, zumal ihr Zyklus sowieso nicht unbedingt regelmäßig war, aber normalerweise war er eher zu kurz als zu lang und außerdem hatte sie so ein Bauchgefühl. Sie hatte es noch nicht gewagt einen Frühtest zu machen, zu sehr steckten ihr die Enttäuschungen der letzten Tests noch in den Knochen. Aber gekauft hatte sie bereits mehrere Tests und sie hatte beschlossen, den Test am Sonntagmorgen zu machen. Dann könnte sie Lars die freudige Nachricht direkt überbringen und ihm den Test zeigen, falls bis dahin nicht doch noch ihre Periode kam, aber sie hoffte und spürte, dass dies nicht der Fall sein würde.
Sie war sich sicher, dass er sich auch freuen würde, auch wenn es nicht geplant war und sie es vor ihm als Unfall darstellen musste, sie durfte ja nicht sagen, dass sie die Pille bereits seit Monaten abgesetzt hatte. Deswegen hatte sie auch stets brav ihre Pillenpackung auf dem Nachttisch drapiert und drückte jeden Tag eine Tablette heraus und entsorgte sie. Wenn er den ersten Schock überwunden hätte, würde er sich sicherlich wahnsinnig freuen und spätestens nach dem Sommersemester wirklich aus Paris zurückkommen und dann würden sie eine wunderbare kleine Familie sein und ihre Ehekrise und Charlotte würden der Vergangenheit angehören. Ute konnte es kaum abwarten. 
Bis dahin wollte sie Lars noch kräftig verwöhnen, damit er am Sonntag die freudige Nachricht vielleicht doch direkt schon ganz entspannt aufnehmen würde.

Donnerstag, 31. Januar 2013

Himmelhoch jauchzend - Dienstag, 29. - Donnerstag, 31. Januar 2013

Lotte war die ganzen letzten Tage wie auf Wolken geschwebt, seit Lars ihr am Montag geschrieben hatte, dass er endlich mit Ute Schluss machen würde. Sie konnte das Wochenende kaum abwarten. Vielleicht schmiss sie ihn ja direkt raus und er würde schon morgen oder am Samstag bei ihr Zuflucht suchen. Sie wusste nicht, wann er genau mit ihr reden wollte, aber morgen kam er aus Paris wieder und ab morgen konnte es soweit sein, auch wenn sie annahm, dass er zu bequem war, um es sofort nach seiner Ankunft hinter sich zu bringen. Aber auf ein oder zwei Tage mehr oder weniger kam es nun auch nicht mehr an, auf jeden Fall würde es dieses Wochenende soweit sein und dann gehörte er ihr. Sie hatte das Grinsen kaum noch aus dem Gesicht bekommen und arge Mühe gehabt, sich auf ihre Klausuren zu konzentrieren, aber sie hatte sich zusammengerissen. Schließlich wollte sie sich auch nicht mit schlechten Noten vor ihm blamieren. Die ein oder andere Klausur hätte sicherlich optimaler laufen können, aber insgesamt war sie zufrieden und sich recht sicher, auf jeden Fall alle bestanden zu haben, egal wie. Für die Abschlussnoten zählten die Klausuren sowieso nicht, also war es ihr egal. Vielleicht war sie ja auch nur so gut gewesen, weil Lars ihr doch tatsächlich vor jeder Klausur eine SMS mit Glückwünschen geschickt hatte, immer pünktlich. Wie zauberhaft er doch sein konnte. Sie strahlte. Lars hatte ihr versprochen, dass sie sich auf jeden Fall am Wochenende sehen würden und sie hoffte sehr, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits frei war. So oder so konnte sie es kaum abwarten ihn wiederzusehen.

*****

Lars hatte absichtlich noch einen Tag in Paris drangehangen, um ein wenig Schonfrist zu haben und mit einem wirklich klaren Kopf nach Köln reisen zu können und mit Ute Schluss zu machen. Er hatte diese Woche sehr ruhig verbracht und sich ausschließlich auf die Arbeit und abends auf das Ordnen seiner Gedanken konzentriert. Kein einziges Mal war er ausgegangen, um nicht einer Versuchung zu erliegen, die ihm am Ende durcheinanderbrachte. Es war die richtige Entscheidung gewesen. Er war sich in den letzten Tagen wirklich klar geworden, was er wollte. Er wollte Charlotte, mit allen Konsequenzen, die das nach sich ziehen würde und sicherlich wären viele erst einmal weniger angenehm. Sein Ruf würde leiden, im Institut würde er sich Einiges anhören dürfen und auch finanziell könnte es ihm an den Kragen gehen. Dennoch war er sich sicher, dass es die richtige Entscheidung war. Er konnte nicht länger vor Ute davonlaufen und es wäre auch unfair, sie mit ihrem Kinderwunsch noch länger hinzuhalten. Sie wünschte sich so sehr ein Kind und ihre biologische Uhr tickte zweifellos, wenn er es jetzt beendete, hatte sie wenigstens noch die Chance, einen anderen möglichen Vater zu finden. Er hat sehr viel über dieses Thema nachgedacht, das, wie ihm bewusst geworden war, ein sehr großer, wenn auch wenig ausgesprochener Konflikt zwischen ihnen war und daran war ihm klargeworden, dass es nicht weitergehen konnte. Er konnte sich Ute als Mutter vorstellen, sie wäre sicherlich auch eine gute Mutter, aber er war sich sicher, sie würde eines dieser grausamen Muttertiere werden und noch viel spießiger und vorsichtiger, als sie es sowieso schon war, sobald sie ein Kind hätten. Spätestens dann würde er sich endgültig mit ihr zu Tode langweilen und das ginge einfach nicht. Wenn er ein Kind zeugte, wollte er dahinter stehen und diesem Kind ein guter Vater sein und eine gute Familie bieten - was aber zweifellos nur möglich war, wenn er für die Mutter des Kindes mehr als ein müdes Lächeln übrig hatte. Charlotte konnte er sich hingegen wunderbar als Mutter vorstellen. Sicherlich würde sie eine unkonventionelle Mutter sein, aber mit ihr würde es nie langweilig werden und zu seiner Verwunderung hatte er feststellen müssen, dass er sich mit Charlotte sogar zum jetzigen Zeitpunkt bereits Kinder vorstellen konnte, während er bei Ute immer erst an in ein paar Jahren gedacht hatte.
Nein, er hatte alles sorgfältig durchdacht und auch wenn es sicherlich erst einmal eine sehr unangenehme Sache werden würde, so hoffte er trotzdem, dass Ute einsehen würde, dass es für alle das Beste war und er ihr damit ebenfalls ganz neue Chancen eröffnete, auch wenn er ihr das Erhoffte erst einmal zerstörte. Aber vielleicht ließ sie nach dem ersten Schock mit sich reden und sie würden die Trennung vernünftig und wie erwachsene Menschen über die Bühne bringen können. Er hatte sich bereits die passenden Worte zurechtgelegt und auch beschlossen, so ehrlich zu ihr zu sein, dass er ihr von Charlotte erzählte, sie würde es so oder so herausfinden und wenn sie es direkt wusste, war die Demütigung vielleicht geringer. Außerdem gab es dann kein Zurück mehr und sie wusste sofort, woran sie war. Dann brauchte er ihr auch nicht sagen, dass er sie nicht mehr liebte, sondern lediglich, dass er Charlotte mehr liebte. Er fand, das klang freundlicher. Und falls sie sich damit besser fühlen sollte, konnte sie sich einreden, er habe eine Midlife-Crisis und sie deswegen durch eine Jüngere ersetzt. Es war ihm egal, er wollte nur, dass sie alle möglichst schadlos aus dieser Sache herauskamen. Er musste nur den passenden Moment am Wochenende finden, um es ihr zu sagen. Aber er war fest entschlossen, es zu tun, wenn auch wahrscheinlich noch nicht sofort morgen...

Montag, 28. Januar 2013

Nur noch dich, für immer! - Montag, 28. Januar 2013

Um halb sechs in der Früh hatte erbarmungslos der Wecker gerasselt und nachdem sie noch zehn Minuten gekuschelt hatten, hatte Lars das Bett und kurze Zeit später auch ihre Wohnung verlassen müssen. Während er unter der Dusche war, hatte Lotte ihm ein kleines Frühstück bereitet und für sie beide Kaffee gekocht. Etwas Essbares brachte sie selbst um diese Uhrzeit noch nicht hinunter, aber wenigstens eine Tasse Kaffee wollte sie mit ihm gemeinsam trinken. Er hatte nur wenige Minuten für das gemeinsame Frühstück gehabt, dann hatte er zur Bahn eilen müssen. Zuvor hatte er sie noch ein letztes Mal innig umarmt und geküsst. Nachdem sie die Wohnungstür hinter ihm geschlossen hatte, hatte Lotte mit den Tränen kämpfen müssen. Es waren so wunderschöne Stunden gewesen mit ihm gemeinsam, dass sie ihn am liebsten gar nicht gehen lassen hätte.
Sie konnte sich nicht entsinnen, sich je in Gegenwart eines Mannes so wohl und geborgen gefühlt zu haben, wie sie es bei ihm empfand. Eigentlich war dieser Gedanke paradox und dies war ihr durchaus bewusst. Sie musste nur an Ute denken und ihr war klar, dass es möglicherweise keine gute Idee war, Lars solche Gefühle entgegenzubringen. Dennoch konnte sie nicht anders. Außerdem waren sie ehrlich zueinander, ihre Beziehung war in keinster Weise mit der zwischen ihm und Ute zu vergleichen. Außerdem war sie viel stärker als Ute, das sagte er selber. Er würde es niemals wagen, mit ihr so umzuspringen wie mit Ute. Und bald wäre die Sache mit Ute sowieso vorbei, der Januar war nun schon fast zu Ende und es wurde Zeit für ihn zu gehen und zu ihr zu kommen. Sie hatte das Thema nicht mehr angesprochen an diesem Wochenende, obwohl sie es ihm am Samstag angedroht hatte. Doch dann hatte sie sich gedacht, es sei besser, ihm Anreize zu bieten, die Trennung endlich hinter sich zu bringen anstatt herumzunörgeln. Taten brachten mehr als tausend Worte, da war sie sich sicher. Und sie glaubte auch, dass es die richtige Entscheidung gewesen war und Lars der Abschied ebenfalls schwergefallen war. So innig, wie bei diesem Abschied, hatte er sie noch nie geküsst. Er würde jetzt endlich in die Puschen kommen mit der Trennung, das spürte sie. Außerdem musste er es, denn das Semester neigte sich dem Ende zu und damit auch die Zeit seiner Abwesenheit von Köln. Er würde Ute demnächst wieder viel länger am Stück ausgesetzt sein, wenn er nicht endlich Nägel mit Köpfen machte. Sie hoffte, er würde dies zum Anlass nehmen.
Gestern hatte sie sein Telefonat mit Ute, dass er gut in Paris angekommen sei, mitanhören müssen. Da war keinerlei Zuneigung in seiner Stimme gewesen und solch eine Beziehung konnte einfach nicht dauerhaft bestehen. Ute musste doch auch spüren, dass da nichts mehr war und er ihr keine liebevollen Gefühle mehr entgegenbrachte.

*****

Lars richtete sich auf seinem Platz im Thalys ein und kramte dann in seiner Jackentasche nach seinem Handy, um Charlotte eine SMS zu schicken. Doch zuerst fiel sein Blick auf sein neues Hintergrundbild, das er wenigstens für die Tage in Paris genießen wollte. Er hatte gestern Abend heimlich ein Foto von ihr gemacht, als sie zwischendurch das Bett verlassen hatte, um die Weinflasche zu holen und nachzuschenken. Nur mit einem Höschen bekleidet, die Haare wild verwuschelt und mit der Weinflasche in der Hand kam sie auf ihn zu. Sie hatte etwas hippiemäßiges auf diesem Foto, einen Hauch von Uschi Obermaier. Es war wunderschön, sie war wunderschön. So mädchenhaft, aber gleichzeitig sexy und leicht verrucht. Am liebsten wäre er vorhin bei ihr geblieben, er hatte die Zeit mit ihr so sehr genossen wie schon lange nichts mehr. Es war sogar noch schöner gewesen, als als sie ihn in Paris besucht hatte. Es wurde wirklich Zeit, dass er sich von Ute trennte und solche Momente dauerhaft genießen konnte. Er würde, sobald er wieder in Köln war, das Gespräch mit ihr suchen. Diesmal würde er es nicht länger aufschieben. Charlotte würde nicht ewig auf ihn warten und wenn er an die letzten Stunden zurückdachte, gab es auch kein sinnvolles Argument, sie noch länger warten zu lassen. Er freute sich wie ein kleiner Junge auf die gemeinsame Zeit mit Charlotte und es war ihm auch gerade vollkommen egal, dass solcherlei Gefühle bisher nicht seinem Naturell entsprochen hatten. Wahrscheinlich war ihm bisher eben nie die richtige Frau begegnet. Lächelnd schaute er auf sein Handydisplay, dann ging er ins Nachrichtenmenü.

Allerliebstes Lottchen, nun rausche ich dahin, Richtung Paris und weg von Dir. Ich wünschte, ich könnte Dich mitnehmen, aber ich werde die schönen Stunden mitnehmen in meinen Gedanken und davon zehren bis zu unserem Wiedersehen. Du wirst Deinen Pflichten nachkommen mit den Klausuren in dieser Woche und ich meinen, sobald ich wieder in Köln bin und die Trennung von Ute vollziehen. Es gibt keinen Grund mehr, noch länger zu warten, ich will nur noch Dich, für immer! Lars

Sonntag, 27. Januar 2013

Tatorte - 25. - 27. Januar 2013

Zufrieden lag Lars im Bett und betrachtete Charlotte, wie sie in Unterwäsche durch die Wohnung huschte und etwas Knabberzeug in ein Schüsselchen abfüllte und anschließend erstaunlich gekonnt eine Flasche edlen Rotwein entkorkte. Vielleicht wäre dies eigentlich seine Aufgabe gewesen als Mann, aber er genoss den Anblick viel zu sehr, um in irgendeiner Form aktiv an dieser Szenerie teilhaben zu wollen. Das, was er gerade sah, konnte keinesfalls vom neuen Tatort gleich im Fernsehen übertroffen werden. Sie war so wunderschön und irgendwie so unschuldig dabei. Sie ahnte überhaupt nicht, wie wundervoll sie gerade aussah, in ihrer dunkelroten Unterwäsche auf ihrer Schneewittchenhaut und dazu die dunklen Locken, die wild in alle Richtungen abstanden. Sie würde wahrscheinlich fluchen, wenn sie sie sich bewusst wäre, dass ihre Schminke völlig verschmiert war von ihrem wilden Genutsche eben, aber er fand, gerade der verschmierte Lippenstift machte den Anblick erst perfekt. Er hätte sie aufessen können, als sie da stand und die Flasche entkorkte. Diese leichte Anstrengung in ihren Zügen, als der Korken ein wenig klemmte und die Anspannung in ihren Muskeln, ihr Busen hatte so gleich noch viel prächtiger gewirkt. Er hätte ihr ewig zusehen können, aber leider hatte sie den Korken dann doch recht fix heraus gehabt. Nun kam sie mit einem Tablett mit zwei Weingläsern und dem Schüsselchen mit Knabberzeug zum Bett getänzelt und würde gleich mit ihm zusammen den Tatort genießen. Insgeheim hoffte er, dass der Tatort schlecht war, damit sie sich anderen Dingen zuwenden konnten, sie war so oder so aufregender als jeder Krimi. Aber sie wollte den Tatort unbedingt sehen, weil ein neuer Kommissar seinen ersten Einsatz hatte und er hatte ihr das nicht verderben wollen. Im Notfall würde er einfach sie ansehen, falls ihn der Krimi langweilte. 
Wenn er darüber nachdachte, konnte er es sowieso kaum fassen, gerade neben ihr zu liegen. Aber er hatte es tatsächlich durchgezogen und sich dieses Wochenende "die volle Lotte gegönnt", wie sie es genannt hatte. Ute wähnte ihn seit heute Morgen in Paris, er hatte behauptet, einen Vormittagszug zu nehmen. Das tat er auch, allerdings erst morgen. Statt zum Bahnhof war er in die Bahn zu Charlotte gestiegen. Eigentlich hatte er Charlotte nur am Samstag sehen wollen, aber als sie sich getroffen hatten, hatte sie ihm Druck gemacht und an die Idee dieses Treffens erinnert und schließlich hatte er sich darauf eingelassen. Seine Sehnsucht war zu groß gewesen, während er andererseits nicht das Gefühl hatte, bei Ute irgendetwas zu verpassen. Außerdem kam er Charlotte so entgegen und entspannte die Situation damit. Sie merkte, dass es ihm ernst war und er sie nicht nur hinhalten wollte. Es war wichtig, dass er ihr das zeigte, sie war am Samstag anfangs doch ein wenig kratzbürstig gewesen, was das anging, weil er auf Fragen nach der Trennung von Ute immer nur ausweichend geantwortet hatte. Glücklicherweise hatten sie nicht allzuviel Zeit gehabt, diese Thematik auszudiskutieren, da die Zeit von Utes Abwesenheit begrenzt war und er Charlotte schnell davon überzeugt hatte, dass man sie sinnvoller nutzen konnte. Dafür hatte er ihr versprechen müssen, dass sie dieses Thema heute noch einmal ausdiskutieren würden, aber bisher hatte sie glücklicherweise noch nicht damit angefangen und er würde es ganz bestimmt nicht tun. 
Am Samstag hatten sie dann statt der Diskussion die absolute Todsünde begangen und er hatte mit einer anderen Frau in seinem Ehebett geschlafen. Charlotte war die Erste, der diese Ehre zuteil wurde, allerdings hätte er seine anderen Affären auch niemals mit in seine eigenen vier Wände gebracht. Sie hatte tatsächlich Hemmungen gehabt, es im Ehebett zu treiben, was seiner Meinung nach für sie sprach, und er hatte es sogar verstehen können. Also hatte er sie zuerst auf seinen Schreibtisch gesetzt und da genommen, back to the roots, sozusagen. Da dieser Aktion jedoch neben seinem Tacker, den sie vom Tisch gefegt hatten, auch einer ihrer halterlosen Strümpfe zum Opfer gefallen war, in den sich eine Heftklammer verbohrt und zu einer Laufmasche geführt hatte, hatte er sie beim zweiten Mal doch mehr oder weniger widerstandslos auf's Bett werfen können, nachdem er geschworen hatte, dass sie sich auf seine Seite beschränken würden. Es hatte ihn selbst erschreckt, dass er nicht den Hauch eines schlechten Gewissens dabei verspürte, als er in sie eindrang, während er einen kurzen Moment sogar auf das Hochzeitsfoto auf Utes Nachttisch blickte. Im Gegenteil, sein einziger Gedanke in diesem Moment war die Freude, dass nicht sie, sondern Charlotte gerade unter ihm lag.
Als Charlotte danach doch recht eilig aufbrechen wollte, weil sie sich nicht wohlfühlte und meinte, der Geist von Ute schwebe über allem und sie könne es nicht ertragen, sie sollten das alles lieber am nächsten Tag fortsetzen in ihrer Wohnung, hatte er immerhin kurzfristig ein schlechtes Gewissen verspürt, dass Charlotte ganz offensichtlich ein schlechteres Gewissen gegenüber Ute hatte als er.

Die Geburtstagsparty am Samstagabend war auch glimpflich verlaufen, Franziska war nicht anwesend gewesen. Wahrscheinlich hatte so ein junges Ding an einem Samstagabend etwas Besseres zu tun als eine Geburtstagsfeier im Golfclub zu besuchen von jemandem, der zwanzig Jahre älter war als sie selbst. Auch sonst hatte keiner die Ereignisse der letzten Woche angesprochen und er und Ute hatten sich soweit gut verstanden. Oder besser gesagt, sie hatten sich beide gut amüsiert, jeder auf seine Weise. Er hatte sich mit seinen Freunden unterhalten, sie sich mit ihren Freundinnen. Aber sie hatten beide Spaß und einen schönen Abend gehabt und das war es doch, was am Ende zählte. Franziska hatte sich, seit er in Köln war auch nicht mehr gemeldet, so dass er eine leise Hoffnung hegte, sie habe es doch verstanden und würde ihn in Frieden lassen.

Erst als Charlotte ihm einen Cracker in den Mund schob, dessen anderes Ende zwischen ihren Lippen hing, merkte er, dass seine Gedanken abgeschweift waren und er den Anfang des Tatorts völlig verpasst hatte. Nach dem Cracker küsste sie ihn leidenschaftlich und er konnte das Salz auf ihren Lippen schmecken. Danach murmelte er, er habe gar nichts vom Tatort mitbekommen bisher und sie grinste nur und schaltete ab.
"Aber der lief doch erst eine Viertelstunde?!"
"Eine Viertelstunde zuviel. Der neue Kommissar ist wie Hape Kerkeling on dope, da hole ich mir lieber andere Drogen."
Sie stellte das Weinglas auf der Bettkannte ab und setzte sich auf ihn. "Zeit für die Leibesvisitation. Sie sind übrigens verhaftet!"