Freitag, 21. Dezember 2012

21 - Part II




Lotte wurde wach und dachte, sie müsse sterben, so sehr dröhnte ihr der Schädel. Gestern Abend hatte sie Weihnachtsfeier mit ihren Mädels von früher aus der Schule gefeiert und diese war immer extrem feucht-fröhlich. Gegen 4 Uhr morgens war sie im Taxi nach Hause gefahren und hatte gefühlte 5 Promille gehabt. Sie hatten zuerst mit Prosecco angestoßen, dann Cocktails gemixt und später noch Glühwein und Feuerzangenbowle gemacht. Lotte war sich sicher, wenn heute nicht allgemein die Welt untergehen würde, so doch zumindest ihre. Sie konnte sich nicht entsinnen, dass ihr je so übel gewesen war. Sie schaute auf die Uhr. Es war fast 14 Uhr. Sie wankte zur Toilette und versuchte sich erneut zu übergeben, aber es war nichts mehr da, was sie hätte erbrechen können, das hatte sie heute Morgen nach der Mail an Lars bereits erledigt. Nach der Mail an Lars… plötzlich kamen ihr die Erinnerungen zurück. Um Himmels Willen, was hatte sie ihm bloß geschrieben. Sie erinnerte sich nur, dass sie völlig in Rage gewesen war, weil sie sich auf der Weihnachtsfeier recht ausführlich mit Sabine über ihn unterhalten hatte und sie ihr eingeredet hatte, was er für ein Schwein war und dass sie sich nicht länger ausnutzen lassen dürfe. Neben Sabine war wohl vorallem ihr Alkoholpegel sehr überzeugend gewesen. Lotte war sich nicht mehr sicher, was sie ihm genau geschrieben hatte, sie wusste nur noch, dass sie sehr empört gewesen war – wegen Sabines Worten und der Tatsache, dass Lars meinte, er müsse ihr kluge Kommentare zu Jan geben. Ihr schwante Böses. Sie verspürte erneut den Drang, sich zu übergeben, hatte aber keine Substanz.
Sie wankte hinüber in die Küche und spülte erstmal zwei Kopfschmerztabletten und drei Gläser Wasser hinunter. So übel ihr auch war, sie hatte einen Nachdurst, mit dem sie das Rheinhochwasser hätte aufsaugen können.
Dann tapste sie hinüber zum Schreibtisch, um den Rechner hochzufahren und nachzusehen, was sie genau geschrieben hatte. Auf dem Weg dorthin verspürte sie erneut den Drang, sich zu übergeben und sie schaffte es gerade noch rechtzeitig zur Toilette zu stürzen, wo die drei Gläser Wasser den Dachausgang wählten. Lotte ließ den Rechner Rechner sein und legte sich zurück ins Bett. Während sie versuchte, möglichst tief und gleichmäßig zu atmen, um der Übelkeit Herrin zu werden, fiel ihr ein, dass sie die Mail auch über ihr Handy lesen könnte, während sie im Bett lag. Das wäre die schonendere Methode. Sie kramte nach ihrem Handy und fand es schließlich in der Spalte zwischen Bett und Wand. Außerdem war es aus. Lotte stöhnte und schaffte es gerade, das Ladegerät in die Steckdose zu bugsieren, ehe sie sich erneut übergeben musste. Sie hätte sich nicht so hastig bücken dürfen. Nie wieder würde sie diese verfluchte Feuerzangenbowle trinken, schwor sie sich.
Ihr Handy verlangte nach der Pin. Gute Frage… sehr gute Frage. Beim dritten Versuch kriegte sie gerade noch die Kurve. Das Handy piepste. Eine SMS von Lars. Sie unterdrückte das Bedürfnis, sich erneut zu übergeben. Nachdem sie sie gelesen hatte, fand sie sich allerdings doch umgehend auf der Toilette wieder. Was zur Hölle hatte sie geschrieben? Sie musste nachsehen.
Nachdem sie ihr Werk gelesen hatte, kamen ihr die Erinnerungen wieder. Natürlich, sie hatte Jan noch eine SMS geschickt aus lauter Trotz letzte Nacht und er hatte, natürlich, wieder nicht geantwortet. Daraufhin war sie so wütend geworden, dass Lars nicht nur seine, sondern auch Jans Ration gleich mit abbekommen hatte. Trotzdem tat es ihr gerade nur bedingt leid. Immerhin schien Lars seiner SMS nach zu schließen ein schlechtes Gewissen zu haben, insofern konnten ihre Anschuldigungen nicht jeder Grundlage entbehren. Sie beschloss, ihm zu antworten, bevor sie noch eine Runde schlafen würde. Sie hatte das Gefühl, es wurde schon ein wenig besser durch die Tablette, vielleicht wäre sie nach dem Schläfchen wieder lebensfähig.

*****

Ute legte den Hörer auf. Sie musste sich beeilen, der Moment war günstig. Gerade hatte sie mit Susanne telefoniert und ihr gesagt, dass sie bei Lars gestern Abend jede Menge Kratzspuren am Rücken gesichtet hatte, die sie ihm eindeutig nicht zugefügt hatte und von denen sie auch nicht davon ausging, dass er sie im Kampf gegen die Pariser Bettflöhe selbst verursacht hatte. Eigentlich hatte Ute von Susanne nur hören wollen, dass sie schon wieder paranoid werde und bestimmt alles in Ordnung sei, zumal sie erst letzte Woche das klärende Gespräch mit Lars hatte, aber Susanne hatte ihr gesagt, sie solle auf der Hut sein und einfach mal seine Mails oder sein Handy durchsehen zur Beruhigung, da würde sie mit Sicherheit eindeutigere Indizien finden als im Aktenschrank. Eigentlich hatte Ute es nicht tun wollen, aber nun war Lars gerade im Garten Kaminholz hacken und sein Handy lag so einladend auf dem Wohnzimmertisch, weil er sich dort umgezogen hatte zum Holzhacken. Sie würde nur einen kurzen Blick in sein Handy werfen, einmal durch’s Telefonbuch scrollen und die Namen durchsehen oder mal kurz in den SMS-Speicher schauen, nur ganz oberflächlich. Alles halb so schlimm, redete sie sich ein. Danach würde auch Susanne sehen, dass alles ganz harmlos war.
Sie entsperrte die Tastatur. Eigentlich hatte sie zuerst ins Telefonbuch schauen wollen, aber es blinkte eine neue Mitteilung. Sie klickte sie an. Die Nachricht war von Charles. Sie fragte sich, ob es sich bei Charles um Charles Dupont, den Kollegen aus dem Seminar handeln konnte. Dann war sie wohl uninteressant für sie. Sie wollte sie eigentlich ungelesen lassen und direkt in den Speicher gehen, verdrückte sich aber und die Nachricht öffnete sich. Sie fluchte innerlich. Hoffentlich war es nichts Wichtiges, dann könnte sie sie einfach löschen und Lars würde nichts merken. Sie las sie, um sie dann zu löschen.

Lars, wann geht diese Scheißwelt endlich unter?! Falls sie es nicht tut – morgen früh ist ok. 11 Uhr und bring Brötchen…

„Verdammter Mist, es regnet schon wieder!“
Erschrocken hätte Ute fast das Handy fallen lassen. Sie ließ es in ihre Hosentasche gleiten.
„Oh, da bist du ja.“
„Habe ich dich erschreckt?“, Lars lachte.
„Ja. Ja, das hast Du.“

Lars stand mit einem Korb voller Holz vor ihr. Das Hacken war beendet, der Regen war zu stark geworden. Sie musste das Handy loswerden, bevor er etwas merkte.

„Geh doch erstmal unter die Dusche, du bist bestimmt total durchgefroren.“
„Och, es geht eigentlich…“
„Nein, du solltest duschen, nachher wird dir kalt.“ Sanft, aber bestimmt schob sie ihn in Richtung Bad.
„Oho, will da etwa jemand mitduschen und mich wärmen?“, grinste er sie an.
„Oh ja. Und jetzt hopp, ich komme gleich.“
„Ich auch, Baby, da bin ich mir sicher!“, antwortete er breit grinsend und verschwand im Bad.

Erleichtert ging Ute zurück ins Wohnzimmer. Sie musste schnell die SMS löschen. Sie öffnete sie erneut.

Lars, wann geht diese Scheißwelt endlich unter?! Falls sie es nicht tut – morgen früh ist ok. 11 Uhr und bring Brötchen mit. Wir reden beim Frühstück über alles und zum Nachtisch will ich Dich! Freu mich! Enttäusch mich nicht schon wieder! Morgen um 11! Kuss, Lotte

Utes Finger zitterten. Charles hieß offenbar im wahren Leben Lotte.

„Schatzi, ich warte!“, hallte es aus dem Bad.

Hastig löschte Ute die SMS. Sie musste jetzt unter die Dusche und gute Miene zum bösen Spiel machen. Und sie musste sich irgendetwas überlegen, damit „Charles“ die SMS nochmal schickte. Nur so würde es nicht auffallen und sie hatte die Chance, Lars morgen früh auflaufen zu lassen.

„Ich komme gleich, ich muss nur noch etwas vorbereiten. Du wirst begeistert sein!“, flötete Ute.

Schnell schrieb sie eine neue SMS und sendete sie an Charles.
Sorry, mein Handy spinnt, schick nochmal bitte! Lars

Dann löschte sie die SMS aus dem Gesendet-Ordner, riss sich die Kleider vom Leib und stürmte ins Bad.

Kommentare:

  1. Aii jetzt wird's richtig spannend ;D

    AntwortenLöschen
  2. Go Ute! :) Auch wenn ich ja gar nicht auf so doofe Eifersuchtsschnüffeleien stehe... Aber die Arme ist eben verzweifelt.
    Wenn das mit der SMS mal nicht rauskommt, eieiei, Ute. Was hast du dir nur gedacht?

    Ich hoffe so sehr, dass Lars am Ende alleine dasteht. Am besten hat er sich noch irgendeine Geschlechtskrankheit eingefangen. Das hätte der Mistkerl echt verdient.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, wer weiß, was da heute alles rauskommt... Theoretisch könnte Ute ja auch rausfinden, wer Charles ist. ;) Mal sehen, was da heute so um 11 Uhr passiert ist. Ich denke, heute Abend wissen wir mehr. ;)

      Löschen