Samstag, 12. Januar 2013

Die männliche Seite betont - Samstag, 12. Januar 2013 (evtl. später Fortsetzung)

Der gestrige Abend war grauenvoll verlaufen. Ute konnte immer noch nicht fassen, wie die ganze Situation so hatte eskalieren können. Schon das Essen war nicht besonders angenehm gewesen, aber das hatte sie nicht anders erwartet. Die Männer hatten sich prächtig unterhalten und Vera und sie hatten sich nichts zu sagen gehabt. Vera war ein dummes, oberflächliches Miststück, das keine anderen Themen als Mode und Kosmetik hatte. Themen, mit denen sie nichts anfangen konnte. Anfangs hatten sie noch ein wenig Smalltalk über das Wetter und die vergangenen Feiertage geführt, aber dann waren ihnen schnell die Themen ausgegangen. Frank hatte immer wieder versucht, Vera mit ins Gespräch einzubeziehen, während Lars sie einfach komplett ignoriert hatte. Hinterher hatte er sie angefaucht, er habe ihr ja direkt gesagt, sie würde sich nur langweilen, da habe sie nicht erwarten können, dass er ihr auch noch Kommunikationstraining biete, wenn sie nicht dazu in der Lage wäre, sich zu unterhalten. Ute musste schlucken, ihr stiegen allein bei der Erinnerung wieder die Tränen in die Augen.
Während des Essens hatte sie sich also fürchterlich gelangweilt und sich geärgert, dass sie überhaupt mitgegangen war, aber der traurige Höhepunkt des Abends war erst danach gekommen. Im Gegensatz zu ihr hatten Lars und Frank sich so prächtig unterhalten, dass sie über ihren Kopf hinweg entschieden, nach dem Essen den Abend noch in einer Bar weiterzuführen. Vera war zwar auch nicht gefragt worden, aber sie schien es auch nicht schlimm zu finden. Erst hatte Ute noch die stille Hoffnung gehegt, es würde in der Bar vielleicht etwas erträglicher werden als in der steifen Atmosphäre beim Edelitaliener, möglicherweise hätte ein Cocktail die Stimmung auch auflockern können. Aber diese Hoffnung hatte sich nicht bewahrheitet. Zwar war die Stimmung durch den Alkohol tatsächlich deutlich lockerer geworden, aber die Situation war dadurch für sie nicht besser geworden. Vera hatte noch einmal das Gespräch gesucht und zu ihr gemeint, ob sie eine neue Frisur habe. Sie hatte genickt und gehofft, sie würde ihr nun vielleicht als Erste wirklich ein Kompliment für ihre neue Frisur aussprechen. Das hätte ihr wirklich gut getan, denn sie hatte sich den ganzen Abend schon elend gefühlt, wenn sie auf Veras lange blonde Locken geschaut hatte. Wahrscheinlich war solch eine Frisur in Wahrheit der Traum aller Männer. Aber bevor Vera überhaupt etwas hatte erwidern können, hatte Frank sich eingemischt und gesagt, ihm sei ihre neue Frisur sofort aufgefallen, wie Vera denn so etwas fragen könne, die Frisur sei doch wohl auffällig genug. Sie hatte sich gerade noch gefragt, ob Frank eventuell gerade dabei war, ihr ein Kompliment zu machen, als er ihr so fest auf die Schulter klopfte, dass sie durch die Überraschung und die Wucht fast vornüber gekippt wäre und er lachend meinte, das müsse sie doch aushalten können, jetzt, wo sie mit ihrer Frisur noch zusätzlich ihre männliche Seite unterstrichen hätte.
Sie war völlig perplex gewesen und hatte nichts zu kontern gewusst. Stattdessen hatte sie Mühe, nicht sofort loszuheulen. Ihre männliche Seite unterstrichen, hatte er gesagt.Sie wollte doch attraktiver und frecher wirken, aber nicht männlicher. Frank hatte sich dann sofort wieder Lars zugewandt und das Thema gewechselt, Lars hatte sich kein Stück um sie gekümmert oder es für nötig befunden, sich irgendwie dazu zu äußern. Sie hatte den Abend noch eine halbe Stunde schweigend ertragen und Lars dann gebeten, ob sie gehen könnten. Er hatte gesagt, in zwanzig Minuten würden sie gehen, er wolle sich noch unterhalten und sie habe gewusst, was auf sie zukomme. Sie hatte es schweigend hingenommen. Auch, dass aus den zwanzig Minuten eine Stunde geworden war. Zwei Gläser Rotwein hatten ihr dabei geholfen, diese Stunde zu überstehen. Von dem Cocktail, auf den sie sich eigentlich gefreut hatte, hatte sie nach einer abfälligen Bemerkung Franks, dass Cocktails doch nur etwas für junge niveaulose Dinger wären, die noch nie einen guten Wein getrunken hätten, Abstand genommen. Sie hatte sich gefragt, ob Frank solch eine Bemerkung dieser Charlotte gegenüber auch gemacht hätte, wenn Lars mit der anstatt mit ihr dort gewesen wäre. Wenn man aussah wie Charlotte Holzheim, durfte man bestimmt Cocktails trinken, ohne also junges niveauloses Ding zu gelten.
Sie seufzte. Wenn man aussah wie Charlotte Holzheim, konnte man sich wahrscheinlich auch eine Glatze rasieren und würde immer noch als feminin betrachtet. Sie hatte sich gestern Nachmittag noch Fotos von ihr auf Facebook angesehen, glücklicherweise hatte sie ein paar öffentliche Bilder gehabt. Interessant hatte sie auch gefunden, dass sie dort nicht mit Lars befreundet war. Aber vermutlich sollte alles möglichst unauffällig sein. Dabei schien Lars sich dort ansonsten mit jedem Menschen anzufreunden, dem er irgendwann einmal begegnet war. Sie fragte sich, wie man so viele Freunde haben konnte. Es war ihr unbegreiflich. Sie hatte gerade einmal zwölf Freunde auf Facebook, drei waren alte Schulfreunde und der Rest war aus dem Golfclub. Es hätte sie auch interessiert, wie viele Freunde Charlotte hatte, aber leider hatte sie die, im Gegensatz zu ihren Fotos, für sie nicht sichtbar gestellt. Aber diese Fotos... vielleicht hätte sie sich durch Franks Bemerkung gar nicht so gedemütigt gefühlt, hätte sie sich vorher nicht noch die Bilder angesehen gehabt. Charlotte Holzheim hatte im Gegensatz zu ihr wirklich weibliche Formen, war dabei aber auch schlank. Sie hatte eine ausgeprägte Taille - also genau das, worum Ute immer alle Frauen seit ihrer Pubertät beneidet hatte, denn ihre war sozusagen nicht vorhanden. Außerdem hatte Charlotte ein ziemlich gebärfreudiges Becken, was ihr sicherlich manchmal bei der Kleiderwahl zu schaffen machte, aber das Problem hätte Ute gerne für solche Kurven in Kauf genommen. Und auch ihr Hintern war deutlich ausgeprägter als ihr eigener, aber in einem positiven Sinne. Ute hatte, wenn sie ehrlich war, einfach nichts in der Hose und Charlotte hatte einen wunderbaren runden Apfelpo, den hatte sie auf einem Urlaubsfoto im Bikini mehr bewundern können, als es ihr gut getan hatte. Diese Bilder hatten ihr mehr als deutlich gezeigt, was Lars bei Charlotte finden könnte, was sie ihm nicht bieten konnte. Und durch ihre neue Frisur hatte sie wohl alles nur noch schlimmer gemacht, das hatte Frank ihr gestern Abend vor Augen geführt.
Während sie so vor dem Badezimmerspiegel stand und sich betrachtete, beschloss sie, sich nachher noch einen Friseurtermin zu machen, um wenigstens die Haare umfärben zu lassen. Dass Lars das Braun lieber mochte als ihre roten Haare, hatte er ihr deutlich zu verstehen gegeben.

Heute würde es nicht mehr funktionieren mit einem Termin, hatte man ihr beim Friseur mitgeteilt, aber am Montag könne sie kommen. Lars hatte gesagt er wolle heute Abend in den Golfclub, es habe eine eMail gegeben, dass dort nachher eine kleine Neujahrsfeier im Clubheim sein solle, das wollte er sich natürlich nicht entgehen lassen. Sie hatte keine Lust mitzugehen, sie wollte sich mit dieser Frisur nicht auch noch im Golfclub der Lächerlichkeit preisgeben. Außerdem hatte sie das Gefühl, es nicht ertragen zu können, wenn ihn wieder alle anhimmelten. Es war immer das Gleiche. Er hatte einfach diese Ausstrahlung und dieses Auftreten, alle bewunderten ihn und hingen an seinen Lippen. Was sie eigentlich immer wunderbar gefunden hatte, was gab es schließlich Tolleres, als die Frau an der Seite eines solchen Mannes zu sein? Wenn der eigene Mann von allen bewundert wurde, sonnte es sich wunderbar in seinem Schatten. Aber eben nur solange, wie man sich selbst wohl fühlte und nicht mehr, wenn man wusste, dass er längst eine Schattenfrau hatte. Eine, die, wenn sie es realistisch betrachtete, in den Augen dieser Menschen eventuell viel besser zu ihm passen würde, zumindest optisch. An der Seite so eines erfolgreichen Lebemannes erwarteten die Menschen eine hübsche, weibliche Frau und keine, die ihre männliche Seite betont.
Sie würde sich den ganzen Abend nur fragen, was sie von ihr denken würden, während sie Lars bewunderten. Sie konnte es nicht ertragen, sie wollte da nicht hin. Andererseits spürte sie eine Panik in sich aufsteigen, wenn sie daran dachte, dass er allein gehen würde. Schließlich beteten ihn dort alle an und besonders immer diese Jenny, die Tochter der Bergers, die gerade zwanzig geworden war und immer noch einen Lolitacharme hatte. Sie war sich sicher, dass sie in Lars' Beuteschema passte und wer garantierte ihr, dass Jenny nicht die Gelegenheit nutzen würde, wenn sie nicht dabei wäre. Inzwischen war sie sich gar nicht mehr sicher, wie weit sie Lars überhaupt vertrauen konnte, ob er sich nur auf Charlotte beschränkte, weil sie ihn wie auch immer verführt hatte oder ob er gar alle möglichen Gelegenheiten mitnahm, die sich ihm boten. Wer konnte es schon wissen. Wer einmal log...
Sie wollte lieber nicht weiter darüber nachdenken. Stattdessen schickte sie Susanne eine SMS, ob sie sich nachher kurz auf einen Tee treffen sollten. Sie brauchte dringend ein wenig Aufmunterung und eine Strategie für den Abend und das Wochenende. Wenn sie so weitermachte, würde sie Lars nicht davon überzeugen, dass sie die bessere Wahl wäre. Er war mit Sicherheit nicht auf der Suche nach einem deprimierten Mauerblümchen, das seine männliche Seite betonte.
Sie zog sich an und ging in die Küche. Lars war schon vor zwei Stunden aufgestanden und hatte alleine gefrühstückt, ihr aber natürlich alles zum Wegräumen stehen lassen. Jetzt saß er am Wohnzimmertisch und hackte auf seinem Handy herum. Sie fragte sich, ob er wohl gerade mit Charlotte schrieb...

Kommentare:

  1. Oh, ein ganzer Abschnitt Ute pur! :)
    Die arme Frau, ist ja wirklich furchtbar, wie der Abend gelaufen ist :( Die kann einem wirklich Leid tun. Ich verstehe aber auch nicht, dass sie wirklich so an Lars festhält, ich glaube, ich könnte all das, was er tut, nie verzeihen oder so hinnehmen. Das ganze Belügen und Betrügen, und dann auch noch, wie schlecht er sie behandelt. Ich wäre schon längst weg und hätte sowohl meine langen Haare als auch meine Würde behalten! :)

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    1. Ja, da ist bei Ute defiitiv gestern das meiste passiert, wenn auch nichts wirklich angenehmes. Mal sehen, wie lange sie das noch mitmacht, ich würde es mir auch nicht bieten lassen... ;)

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  2. Ich will ja nicht kleinlich sein... - aber hatte Lars Ute nicht mal zum Edelitaliener ausgeführt um eben aufgrund der dortigen Lautstärke nicht viel mit ihr reden zu müssen?
    Ich finde es immer fürchterlich Unterhaltungen an solch lauten Orten führen zu müssen - die arme Ute wenn sie sich eh so unwohl gefühlt hat, die Leute dann noch doof waren und es so laut war!

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    1. Hihi das war bestimmt ein anderer, bei dem es sich nicht so gut redet. Hier in Köln ist ja genug Auswahl. ;)
      Und richtig laut wurde es später erst in der Bar, beim Italiener waren die Herren ja noch nicht ganz so angetrunken und ein wenig dezenter unterwegs. ;)
      Aber Ute kann einem leid tun, so oder so...

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